© 2004
Interview mit Prof. Dr. Jeremy Waddington, britischer EBR-Forscher

FotoFotoFrage: Jeremy, Sie haben k√ľrzlich die bisher breiteste Befragung von Mitgliedern Europ√§ischer Betriebsr√§te durchgef√ľhrt, was sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Studie?

Waddington: Die Schl√ľsselergebnisse der Studie belegen, da√ü die Mindestvorschriften zur Unterrichtung und Anh√∂rung, wie sie die Richtlinie festlegt, nicht erf√ľllt werden. Die Ziele der Kommission und des Ministerrates bez√ľglich Information und Konsultation in multinationalen Unternehmen sind in der Praxis nicht umgesetzt. Dieser Befund gilt sowohl f√ľr den Katalog an Themen, mit dem sich Europ√§ische Betriebsr√§te befassen, als auch hinsichtlich der Qualit√§t der durchgef√ľhrten Unterrichtung und Anh√∂rung. In der Praxis legt das Management nicht die erforderlichen Informationen offen und zu oft ist es auf eine Anh√∂rung entweder nicht vorbereitet oder die Konsultation findet statt, nachdem eine Entscheidung getroffen ist.

Ich sollte jedoch auch hervorheben, da√ü es Belege f√ľr eine gewisse Verbesserung im Laufe der Zeit gibt. Insbesondere f√ľr die letzten f√ľnf Jahre zeigen die Befunde, da√ü sich der Umfang der Tagesordnung von Europ√§ischen Betriebsr√§ten erweitert hat. Mit anderen Worten, die Situation verbessert sich, aber die in der Richtlinie benannten Mindestvorschriften sind bei vielen Europ√§ischen Betriebsr√§ten noch nicht erf√ľllt. Die beiden Kernaussagen widersprechen sich daher nicht.

Es sollte ebenfalls angemerkt werden, da√ü die Ansichten von EBR-Mitgliedern variieren. EBR-Mitglieder, die aus dem gleichen Land wie das Unternehmen kommen, und Mitglieder des gesch√§ftsf√ľhrenden Ausschusses sind gew√∂hnlich weniger kritisch hinsichtlich der Praxis Europ√§ischer Betriebsr√§te als Delegierte, die aus einem anderen Land als der Unternehmenssitz kommen und die nur einfache Mitglieder des EBR sind. Dar√ľber hinaus neigen EBR-Mitglieder aus den skandinavischen L√§ndern dazu, am kritischsten bei der Beurteilung der EBR-Praxis zu sein.

Frage: Wie stark ist Restrukturierung ein Thema f√ľr den EBR?

Waddington: Es ist eines der wichtigsten transnationalen Themen f√ľr Arbeitnehmervertreter √ľberhaupt. Rund 80% der von mir befragten EBR-Mitglieder berichten von Restrukturierungen innerhalb der letzten drei Jahre. Allerdings wurde nur jeder vierte EBR von der Europaleitung in angemessener Form informiert und rechtzeitig konsultiert. Nochmals: dieser Befund zeigt, da√ü die Intentionen des Gesetzgebers in der Praxis nicht erf√ľllt werden.

Frage: Die Europäische Kommission möchte die Revision der EBR-Richtlinie und das Thema Restrukturierung in einem einzigen Gesetzgebungsverfahren abhandeln, macht das Sinn?

Waddington: Ich betrachte diese Verzahnung langfristig als problematisch. Ein Europ√§ischer Betriebsrat ist mehr als ein Gremium, das bei Restrukturierungen behilflich ist. Die Aufgaben von Europ√§ischen Betriebsr√§ten sind viel umfassender. Um die beiden Themen zu verbinden, m√ľ√üte man die Tagesordnung von Europ√§ischen Betriebsr√§ten beschr√§nken.

Frage: Haben Unternehmensfusionen und -√ľbernahmen Einflu√ü auf EBR-Gremien gehabt?

Waddington: In den letzten Jahren haben wir eine beachtliche Welle von Fusionen in Europa gesehen, da Unternehmen auf die Globalisierung und die Initiativen rund um den Europ√§ischen Binnenmarkt geantwortet haben. Das Ausma√ü dieser Fusionswelle hat eine Reihe von Fragen zur Kontinuit√§t der Arbeit von Europ√§ischen Betriebsr√§ten aufgeworfen. Immer wieder berichten EBR-Mitglieder, da√ü die Richtlinie ihnen ungen√ľgende Hilfe bei Fusionen und √úbernahmen bietet. Auch ist die Fluktuation der EBR-Mitglieder hoch, was einen nachteiligen Einflu√ü auf die Kontinuit√§t hat.

Frage: Was benötigen EBR-Mitglieder vom Gesetzgeber und von den Gewerkschaften am dringendsten?

Waddington: Mehr als alles andere brauchen EBR-Mitglieder ein funktionierendes Gremium. Um dieses Ziel zu erreichen, fordern sie eine exaktere Definition von angemessener Information und Konsultation in der Richtlinie, was sowohl die Art und Weise, in der Informationen zug√§nglich gemacht werden, als auch den Zeitpunkt der Offenlegung von Informationen und den Zeitpunkt der Anh√∂rung beinhalten w√ľrde. Die EBR-Mitglieder w√ľrden auch klar definierte Rechte in F√§llen von Unternehmensrestrukturierungen begr√ľ√üen. Es ist auch offensichtlich, da√ü viele Manager Restrukturierungen in einem multinationalen Unternehmen, sofern dies nur innerhalb eines einzelnen Landes stattfindet, nicht als Tatbestand der Richtlinie betrachten. Nach dem Geist der Richtlinie ist dies nicht konsequent: wenn ein multinationales Unternehmen umstrukturiert, wollen EBR-Mitglieder solche Restrukturierungen per Definition unter den Geltungsbereich der Richtlinie verstanden wissen.

Gleichfalls fordern EBR-Mitglieder mehr Unterst√ľtzung von den Gewerkschaften in Form von Seminaren, Beratung und Anleitung, zusammen mit der Entwicklung von klar definierten Rollen sowohl f√ľr Europ√§siche Betriebsr√§te als auch f√ľr Gewerkschaften. Es gibt noch zu viele EBRs, die von Gewerkschaften mangelhaft unterst√ľtzt werden.

Frage: Was unterscheidet Europäische Betriebsräte in angelsächsischen Unternehmen von Europäischen Betriebsräten, die in kontinentaleuropäischen Unternehmen tätig sind?

Waddington: In britischen und amerikanischen Unternehmen hat der EBR eine schmalere Tagesordnung, und die Qualit√§t der Information und Konsultation ist geringer. EBR-Mitglieder in angels√§chsischen Unternehmen m√ľssen mehr Initiative zeigen, falls sie eine Tagesordnung von der gleichen Qualit√§t wie in kontinentaleurop√§ischen Unternehmen sicherstellen wollen. Manager in angels√§chsischen Unternehmen sind z√∂gerlicher, wenn es darum geht, Informationen preiszugeben und sich zu Konsultationen zu verpflichten. Mittelfristig k√∂nnte sich diese Situation jedoch durch die neue Gesetzgebung im Vereinigten K√∂nigreich ver√§ndern, die Informationsaustausch und Konsultation am Arbeitsplatz fordert, aber es bleibt der Punkt, da√ü Manager im Vereinigten K√∂nigreich bislang wenig Erfahrung mit solchen Praktiken haben und einige sich dem auch widersetzen.

Jeremy Waddington ist seit 2000 Professor f√ľr Industrielle Beziehungen an der Universit√§t von Manchester, nachdem er zuvor elf Jahre lang als Forscher an der Universit√§t von Warwick t√§tig war. Zus√§tzlich ist er seit 1998 Projektkoordinator des Europ√§ischen Gewerkschaftsinstituts in Br√ľssel. → Weitere Informationen zur Person

Das Interview f√ľhrte Werner Altmeyer am 4. November 2005 in Br√ľssel.


Weitere Informationen zur Studie:

Konferenzbericht √ľber die Pr√§sentation der Forschungsergebnisse
Bewertung der Forschungsergebnisse durch Prof. Waddington
Statistische Daten der Studie
(21 Seiten)



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