Interview mit Prof. Dr. Heinz Bierbaum, INFO-Institut Saarbrücken
Frage: Herr Prof. Dr. Bierbaum, Sie waren gerade zu einem Forschungssemester in Barcelona. Was war das Ziel Ihres
Aufenthaltes?
Bierbaum: In erster Linie habe ich über die Funktion und die Wirkung von praktischer EBR-Arbeit in Spanien
geforscht. Im Mittelpunkt stand die Auswertung konkreter Fälle, z. B. des Konzerns Alstom, für dessen
Arbeitnehmervertreter das INFO-Institut beratend tätig ist. Wir haben seit Jahren in Barcelona gute Kontakte zum
Gewerkschaftsbund CC.OO., mit dessen Hilfe konnte ich vor Ort Erfahrungen mit spanischen Mitgliedern in Europäischen
Betriebsräten und mit gewerkschaftlichen EBR-Koordinatoren austauschen. Weiterhin ging es mir darum,
universitäre Kontakte zur EBR-Forschung aufzubauen.
Frage: Ihr besonderes Interesse richtete sich auf Restrukturierungsfragen. Welche Erfahrungen haben spanische
EBR-Delegierte damit gemacht?
Bierbaum: Die Beteiligung an Restrukturierungprozessen ist sehr unterschiedlich. Ein Beispiel für hohes
Engagement ist der EBR von Alstom, nicht zuletzt bedingt durch die tiefe Krise, die der französische Konzern
durchmacht. Der EBR hat dabei eigene Positionen entwickelt und deutlich an Profil gewonnen. Dabei waren auch die
spanischen Delegierten sehr aktiv. Einen besonderen Problempunkt stellen rechtzeitige Informationen dar; ebenso das
unterschiedliche Verständnis von Konsultation. Dies gilt zum einen im Verhältnis von Unternehmensleitung und
EBR, zum anderen aber auch innerhalb des EBR infolge der unterschiedlichen gewerkschaftlichen Traditionen und Kulturen.
Die Wirkung des EBR entfaltet sich im Verhältnis von europäischer und nationaler Interessenvertretung.
Frage: Der Landesbezirk Katalonien des spanischen Gewerkschaftsbundes CC.OO. gilt als besonders aktiv in der
EBR-Arbeit. Dort findet alle zwei Monate ein EBR-Workshop statt. Was wird dort besprochen?
Bierbaum: Es geht meist um praktische Fragen der EBR-Arbeit wie Kontakte zu Vertretern in anderen Ländern, um
Informationsaustausch, Positionierung bei Restukturierungen, Notwendigkeit und Inhalte von Schulungen usw.
Frage: Wie will das INFO-Institut die spanische EBR-Arbeit zukünftig unterstützen?
Bierbaum: Das INFO-Institut ist dabei, seine Aktivitäten in Zusammenhang mit Europäischen Betriebsräten zu
verstärken. Das gilt für die Betreuung selbst, für Seminare sowie für gutachterliche Tätigkeit bei
internationalen Restrukturierungen. In diesem Rahmen werden wir die Kontakte zu den spanischen Gewerkschaften
weiter pflegen und intensivieren, vor allem werden wir Schwerpunktthemen der EBR-Arbeit bearbeiten. So ist im April
2005 in Barcelona ein Seminar zur Revision der EBR-Richtlinie mit den CC.OO. und der Universität Pompeu Fabra
geplant.
Heinz Bierbaum ist Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) des Saarlandes mit dem Schwerpunkt
Unternehmenspolitik und Unternehmensorganisation und Leiter des von ihm gegründeten Instituts für
Organisationsentwicklung und Unternehmenspolitik (INFO-Institut) an der HTW in Saarbrücken
Das Interview führte Werner Altmeyer am 14. März 2005.
Das 1996 in Saarbrücken gegründete INFO-Institut ist in der betriebswirtschaftlichen Beratung von Betriebsräten,
Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat sowie Europäischen Betriebsräten tätig. Zum Jahresbeginn 2005 wurde
das Arbeitsfeld "Europäische Betriebsräte" innerhalb des Instituts personell verstärkt.
→ Homepage des INFO-Instituts

